Neulich las ich in der WELT einen Artikel über die Duz- und Siez-Kultur in Deutschland. Analysiert wurden Unternehmenswebseiten darauf, ob auf ihnen gesiezt oder geduzt wird. Umso erstaunter war ich angesichts dieses Satzes: „In Flensburg duzen 28,2 Prozent aller Webseiten.“

‚Mein lieber Scholli‘, schoss es mir durch den Kopf. ‚Jetzt ist es soweit. Die KI hat die Macht an sich gerissen und Webseiten die Fähigkeit gegeben, deren User zu duzen.

Können Webseiten nun duzen?

Natürlich versteht man, was gemeint ist: Auf ihnen werden Menschen mit Du angesprochen. Trotzdem lohnt es sich, bei dem Satz „In Flensburg duzen 28,2 Prozent aller Webseiten“ kurz stehen zu bleiben. Nicht allein wegen der eigenwilligen Vorstellung einer duzenden Internetseite, sondern wegen der Frage, wie viel Genauigkeit beim Kürzen verloren geht.

„Auf 28,2 Prozent der untersuchten Unternehmenswebseiten in Flensburg werden Besucher geduzt“ wäre klarer gewesen. Der Satz sagt, wo das Du steht, an wen es sich richtet und auf welche Auswahl sich die Zahl bezieht. Er ist etwas länger. Aber die zusätzlichen Wörter sind kein Ballast. Sie enthalten Informationen.

Wie viele Webseiten sind es tatsächlich?

Noch gewichtiger ist der Punkt „aller Webseiten“. Wurden nicht lediglich Unternehmenswebseiten untersucht? Hier geht es nicht nur um Geschmack oder gutes Deutsch, sondern darum, was der Satz tatsächlich suggeriert.

„aller Webseiten“ behauptet einen umfassenden Bezug. Wenn nur bestimmte Unternehmenswebseiten untersucht wurden, muss diese Begrenzung erkennbar bleiben. Sauberer wäre der Satz so gewesen: „„Auf 28,2 Prozent der untersuchten Unternehmenswebseiten in Flensburg werden Besucher geduzt.“

Gute journalistische Sprache muss also nicht umständlich sein. Doch sie sollte beim Kürzen nicht das verlieren, worauf es ankommt: die Information.

Quellen:

https://www.welt.de/kultur/article6adb6b6e400ffbb8e251bc7a/karte-hier-ist-deutschland-duzland-dort-ist-es-siezland-duzen-und-siezen-regionale-unterschiede.html