
Warum grammatikalische Schludrigkeit in Redaktionen für wunderbares Kopfkino sorgt
Es war ein trüber Morgen. Die Wolken hingen so tief, dass mein Kopf in ihnen verschwand. An solchen Morgen schlüpfe ich in meine Wohnhose mit dem großen Ketchup-Fleck auf der rechten Pobacke, ziehe mir die Kapuze meines Sweatshirts über den Kopf und tue so, als gäbe es diesen Tag nicht.
Doch beim ersten Kaffee fiel mein Blick auf diese Schlagzeile:
Ach, wie tragisch, schoss es mir durch den Kopf. Der arme Radlader … stirbt einfach so bei einem Verkehrsunfall!
Ich stellte mir das bildlich vor: Der Radlader – wahrscheinlich noch ein ganz junger, mit frischem Lack – fährt friedlich auf eine Kreuzung zu. Die Straßen sind so leer wie mein Portemonnaie in der Monatsmitte. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts – frisch einem Wurmloch entschlüpft – ein Fahrradfahrer vor ihm auf.
Bevor die baustellig-gelbe Maschine bremsen kann, überrollt sie den Drahteseltreter, der dank Helm zum Glück nur ein paar Schürfwunden erleidet. Doch vor lauter Schreck bekommt die Baumaschine einen Infarkt. Also … der Radlader.
Die Welt ist schlecht geworden
Ich las kopfschüttelnd weiter und stieß auf den nächsten journalistischen Leckerbissen:
Ja, die Zeiten ändern sich. Früher landeten wir auf dem Heimweg mit dem Fahrrad volltrunken im Graben. Heute sind offenbar selbst die Bierflaschen besoffen. Die Welt da draußen ist wirklich verkommen.
Meine Gedanken wurden noch trüber als der Himmelsgrau vor meinem Fenster. Ich beschloss, wieder ins Bett zu gehen. Wenn auf unseren Straßen unschuldige Radlader ihr Leben lassen und alkoholisierte Bierflaschen durch die Gegend fliegen, ist es in meiner Wohnung auch nicht mehr sicher. Gute Nacht.
Die Psychologie dahinter: Falsche Bezüge im Gehirn
Wer nach dem ersten Schmunzeln genau hinschaut, erkennt das sprachliche Dilemma: Hier schlägt der sogenannte falsche Bezug (oder schiefes Partizip) zu.
Unser Gehirn verarbeitet Sätze streng von links nach rechts. Fehlt in der Eile des Redaktionsalltags ein klarer Satzbezug, verknüpft das Gehirn das Verb „stirbt“ grammatikalisch automatisch mit dem Subjekt des Satzes – und das ist nun mal der Radlader, nicht das Opfer.
Genauso verhält es sich mit der Bierflasche: Da das Adjektiv „volltrunken“ ganz vorne steht, bezieht das Gehirn die Trunkenheit regelkonform auf das Hauptwort – die Flasche selbst.
Fazit: Augen auf beim Satzbau!
Schlagzeilen sollen schnell sein, Klicks bringen und Platz sparen. Wenn dabei aber die Grammatik über Bord geworfen wird, entsteht unfreiwillige Komik.
Für meinen Morgen war es das beste Entertainment überhaupt. Für jeden, der beruflich schreibt, zeigt es aber: Ein kleiner Dreh im Satzbau entscheidet darüber, ob der Leser mitfühlt – oder vor Lachen auf der Ketchup-Pobacke landet.
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