Wenn mehr Information zu weniger Wissen führt
Eine neue Richtlinie wird im Intranet veröffentlicht, ausführlich begründet, mit allen Hintergründen versehen – und trotzdem melden sich in der Folgewoche Dutzende Rückfragen zu Punkten, die eigentlich klar beantwortet waren. Die naheliegende Reaktion vieler Kommunikationsverantwortlicher: noch mehr Erklärung, noch mehr Kontext nachliefern. Das medienpsychologische Problem liegt jedoch meist im genauen Gegenteil.
Warum das Arbeitsgedächtnis die eigentliche Grenze ist
Die Cognitive Load Theory, eines der am besten empirisch abgesicherten Modelle der Kognitionspsychologie, beschreibt eine harte biologische Grenze: Das menschliche Arbeitsgedächtnis kann nach dem klassischen Modell von Atkinson und Shiffrin gleichzeitig nur etwa vier bis sieben Informationseinheiten verarbeiten. Wird diese Kapazität überschritten, tritt kognitive Überlastung ein – mit direkten Folgen für Verständnis und Entscheidungsfähigkeit. Wichtig dabei: Es kommt nicht auf die „objektive“ Menge an Text an, sondern darauf, wie viele gleichzeitig zu verarbeitende Informationseinheiten eine Mitteilung enthält.
Drei Arten von Belastung – nur eine davon ist sinnvoll
Die Forschung unterscheidet drei Formen kognitiver Belastung:
- Intrinsische Belastung – ergibt sich aus der tatsächlichen Komplexität des Themas selbst
- Extraneous Load (sachfremde Belastung) – entsteht durch schlechte Aufbereitung, unübersichtliche Struktur oder unnötigen Jargon
- Germane Load (lernrelevante Belastung) – die produktive Anstrengung, die tatsächlich zu Verständnis und Einordnung führt
Der entscheidende Punkt für interne Kommunikation: Nur die dritte Form ist erwünscht. Die meisten überladenen Intranet-Beiträge erzeugen jedoch primär die zweite – sachfremde Belastung durch schlechte Struktur, verschachtelte Sätze oder zu viele gleichzeitig behandelte Themen, wie eine aktuelle Untersuchung im Frontiers in Organizational Psychology zu kognitiver Überlastung am modernen Arbeitsplatz beschreibt. Diese Art von Belastung trägt nichts zum Verständnis bei, verbraucht aber dieselbe begrenzte mentale Kapazität wie die eigentlich relevante Information.
Die Zahlen hinter dem Problem
Aktuelle Erhebungen zu kognitiver Belastung am Arbeitsplatz, zusammengefasst von SpeakWise, zeigen das Ausmaß: Beschäftigte werden im Schnitt 275 Mal am Tag unterbrochen, und Aufgabenwechsel unter kognitiver Last verbrauchen bis zu 40 Prozent der eigentlich produktiven Arbeitszeit. Eine im Fachjournal für Arbeitspsychologie veröffentlichte Laboruntersuchung zur Wirkung von Informationsmenge auf die Leistungsfähigkeit fand einen statistisch signifikanten Zusammenhang: Mit steigender Informationsmenge sank die Anzahl korrekter Antworten deutlich messbar, während gleichzeitig objektiv erfassbare Stresssignale zunahmen. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) kommt in ihrem Bericht zur Informationsflut am Arbeitsplatz zum selben Schluss: Mit steigender Informationsflut sinkt die wahrgenommene Produktivität nachweislich. Besonders betroffen sind jüngere Beschäftigte: Eine aktuelle Untersuchung zu Generation-Z-Mitarbeitenden zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen Informationsüberlastung und Burnout-Risiko.
Warum „mehr erklären“ das Problem oft verschärft
Genau hier liegt die paradoxe Falle: Wenn eine Mitteilung auf Verständnisprobleme stößt, ist der intuitive Reflex, mehr Kontext, mehr Absicherung, mehr Detail hinzuzufügen. Das erhöht aber in der Regel die sachfremde Belastung weiter, statt sie zu senken – insbesondere, wenn die zusätzliche Information nicht neu strukturiert, sondern einfach ergänzt wird. Wirksamer ist fast immer das Gegenteil: weniger, aber klarer strukturierte Information, die die intrinsische Komplexität des Themas nicht künstlich durch schlechte Aufbereitung vergrößert.
Die medienpsychologische Perspektive für Ihr Unternehmen
In der Praxis zeigt sich der Intranet-Overload an sehr typischen Mustern: Mitteilungen, die mehrere unabhängige Themen in einem einzigen Beitrag bündeln. Sätze mit mehreren eingeschobenen Nebensätzen, die das Arbeitsgedächtnis unnötig belasten. Fachbegriffe, die ohne Erklärung vorausgesetzt werden. Jedes dieser Muster erzeugt sachfremde Belastung, die sich unabhängig von der eigentlichen inhaltlichen Komplexität gezielt reduzieren lässt.
Quellen
Atkinson, R. C., & Shiffrin, R. M. (1968). Working-Memory-Modell, zitiert in: Cognitive Load Theory. digillab, Universität Augsburg.
Reframing Cognitive Overload as an Ergonomic Risk in Contemporary Workplaces. Frontiers in Organizational Psychology (2026).
Cognitive Load Statistics: Mental Bandwidth, Working Memory. SpeakWise (2026).
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Informationsflut am Arbeitsplatz – Umgang mit großen Informationsmengen.
Informationsmenge als Indikator psychischer Belastung. Zeitschrift für Arbeitswissenschaft (Springer).
Information Overload and Burnout in Gen Z Employees. Journal of Contemporary Human Resource Management (2026).
Möchten Sie wissen, wie viel unnötige kognitive Last Ihre Intranet-Kommunikation aktuell erzeugt?
Im Rahmen einer Wirkungsdiagnose analysiere ich Ihre Intranet-Beiträge und digitalen Mitarbeiterpublikationen gezielt auf Informationsdichte, Struktur und sachfremde Belastung – damit Ihre Botschaften ankommen, statt nur gesendet zu werden.