Der Offenheits-Bluff
Warum Führungskräfte oft nicht hören, was wirklich los ist
„Meine Tür steht immer offen.“ Diesen Satz hört man in nahezu jeder Führungsetage – und die meisten Führungskräfte meinen ihn ernst. Das Problem: Wie offen eine Führungskraft tatsächlich wirkt, entscheidet nicht die Selbsteinschätzung, sondern ausschließlich die Wahrnehmung der Mitarbeitenden. Und genau hier klafft in vielen Unternehmen eine erhebliche, gut dokumentierte Lücke.
Die Selbst-Fremdbild-Lücke wächst mit der Hierarchieebene
360-Grad-Feedback-Auswertungen, ausgewertet unter anderem vom Feedback-Anbieter Honestly, zeigen ein bemerkenswert konsistentes Muster: Führungskräfte überschätzen ihre eigene Wirkung systematisch – und je höher die Hierarchieebene, desto größer wird die Lücke zwischen Selbst- und Fremdbild. Das bedeutet konkret: Ausgerechnet die Personen, die am meisten Zugang zu ehrlichem Feedback benötigen würden, erhalten es am wenigsten und schätzen ihre eigene Zugänglichkeit gleichzeitig am unrealistischsten ein.
Warum Offenheit nicht behauptet, sondern erlebt werden muss
Das Approach-Inhibition-Modell aus der Organisationspsychologie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Personnel Psychology, liefert die Erklärung dafür, warum diese Lücke so gravierende Folgen hat: Ob eine Person Bedenken äußert oder schweigt, hängt entscheidend von der wahrgenommenen – nicht der behaupteten – Offenheit der Führungskraft ab, der sie etwas mitteilen würde. Eine Führungskraft, die sich selbst als offen erlebt, aber von ihrem Team als unzugänglich oder abwehrend wahrgenommen wird, erzeugt exakt dieselbe Schweigedynamik wie eine Führungskraft, die offen zugibt, an Feedback nicht interessiert zu sein. Die eigene Absicht ist für das Verhalten der Mitarbeitenden irrelevant – nur die wahrgenommene Realität zählt.
Psychologische Sicherheit: Der Unterschied zwischen Komfort und echter Offenheit
Die Forschung der Harvard-Professorin Amy Edmondson zur psychologischen Sicherheit präzisiert das Konzept weiter. Psychologische Sicherheit ist definiert als der gemeinsame Glaube in einem Team, dass es in Ordnung ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen – Ideen zu äußern, Fragen zu stellen, Fehler zuzugeben – ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Entscheidend ist Edmondsons Klarstellung: Psychologische Sicherheit bedeutet nicht Wohlfühl-Atmosphäre oder Konfliktvermeidung, sondern die begründete Erwartung, dass ehrliche Beiträge nicht bestraft oder lächerlich gemacht werden. Vier Kernprinzipien tragen dieses Konstrukt: Aufrichtigkeit, Verletzlichkeit, Kommunikation und Informationsfluss, wie es in einer Fachanalyse im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen-Umfeld beschrieben wird. Fehlt eines dieser Prinzipien in der tatsächlichen Interaktion, bleibt jede verbale Beteuerung von Offenheit wirkungslos – der „Bluff“ fliegt im Verhalten der Mitarbeitenden auf, auch wenn er nie ausgesprochen wird.
Warum das messbare Konsequenzen hat
Diese Lücke ist keine Frage des Führungsstils allein, sondern hat direkte organisationale Folgen. Edmondsons Forschung zeigt, dass psychologisch sichere Teams aus Fehlern lernen, während unsichere Teams dieselben Fehler wiederholen, weil sie nicht offen angesprochen werden. Genau das beschreibt auch das Konzept der „Epidemie des Schweigens“: Ohne echte, erlebte Offenheit unterbleibt genau die kritische Rückmeldung, die eine Organisation zur Weiterentwicklung benötigen würde.
Wie sich der Offenheits-Bluff kommunikativ entlarvt
Der entscheidende Unterschied zwischen behaupteter und erlebter Offenheit liegt selten in großen Gesten, sondern in kleinen, wiederkehrenden Kommunikationssignalen: Wie reagiert eine Führungskraft in schriftlicher Kommunikation auf kritische Rückfragen – abwehrend oder wertschätzend? Werden Fehler in internen Mitteilungen als Lernchance oder als Vorwurf gerahmt? Wird Nachfragen Raum gegeben, oder wirkt die Tonalität einer Mitteilung bereits abschließend und unwidersprochen? Jedes dieser sprachlichen Signale prägt die wahrgenommene Offenheit stärker als jede explizite Beteuerung.
Die medienpsychologische Perspektive für Ihr Unternehmen
In der Praxis zeigt sich der Offenheits-Bluff meist nicht in offensichtlicher Ablehnung, sondern in subtilen sprachlichen Signalen: Formulierungen, die Diskussion formal einladen, aber inhaltlich bereits abschließend wirken. Mitteilungen, die Fehlerkultur beschwören, aber in ihrer Tonalität Kontrolle statt Vertrauen ausstrahlen. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und sprachlicher Wirkung lässt sich gezielt analysieren, bevor sie sich zu einem stabilen Vertrauensdefizit verfestigt.
Quellen
360-Grad-Feedback für Führungskräfte: Methode, Fragen. Honestly (2026).
Approach-Inhibition Model of Employee Silence: The Joint Effects of Personal Sense of Power and Target Openness. Personnel Psychology, Wiley.
Edmondson, A. C. The Fearless Organization. Zusammengefasst in: Psychological Safety: Why Teams Speak Up Without Fear.
Psychologische Sicherheit und ihre Bedeutung für eine gesunde Feedbackkultur. De Gruyter Brill (2024).
Feedback entschlüsselt – wie Feedback neu gedacht werden kann. Lumen Partners (2022).
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